Ich war in dem berüchtigten und schlimmsten Frauengefängnis Hoheneck/Stollberg der DDR inhaftiert. Die „Burg“, wie sie von den Einheimischen genannt wird, liegt auf einer Anhöhe und ist schon von weitem zu sehen. In den 50ziger Jahren wurden hier die zu Unrecht verurteilten Frauen und Opfer mit politischen Willkürurteilen des sowjetischen Militärtribunals zusammen gepfercht. Einige Jahre später kamen die politisch Verurteilten dazu. 1974 erreichte die Anstalt die größte Gefangenenanzahl und war damit zu einem Drittel über belegt. Der Anteil der politischen Gefangenen betrug damals etwa 40 Prozent. Politische Häftlinge konnten ab Anfang der 70ziger Jahre von der Bundesrepublik freigekauft werden. In Hoheneck mussten die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Exportiert wurden diese Produkte für Devisen in die Bundesrepublik. Nach sechsmonatiger Untersuchungshaft in Potsdam (Potsdam Museum „Lindenstraße 54“, Gedenkstätte gegen politische Gewalt),
kam ich im Juni 1985 auf die Burg. Wegen Republikflucht wurde ich zu 3 Jahren verurteilt. Zäh wird die Zeit, wenn man den Zeitraum der Inhaftierung nicht kennt. Es ging mir psychisch und physisch sehr schlecht.
Ich kam als 20 jährige auf Hoheneck an und war plötzlich mit Mörderinnen konfrontiert. In allen Einzelheiten schilderten sie mir unaufgefordert, wie sie ihre Eltern, Kinder, Ehemann und andere Menschen, getötet haben. Kinder wurden im Keller fest gebunden und mussten verhungern. Menschen wurden zerstückelt und eingekocht oder in der Waschmaschine mit 90 Grad gewaschen ... Drei Kriegsverbrecherinnen befanden sich noch auf Hoheneck. Sie gaben ihre Unterschriften zu Judentransporten oder ließen auf ihre Anweisungen im KZ Ravensbrück Menschen erschießen. Von all dem wusste ich nichts. In der DDR gab es keinen Mord oder Kriegsverbrecher. Von einem auf den anderen Tag befanden sich diese Menschen in meiner unmittelbaren Nähe. Nachts lagen sie über oder neben mir; nur ein paar Zentimeter entfernt. Die ersten Tage habe ich gar nicht geschlafen und die nächsten Wochen nur im Sitzen. Ich hatte solche unvorstellbare Angst, dass sie mich auch töten würden. Die schwere Akkord-Arbeit in 3-Schichten mit viel Staub, schlechter Beleuchtung und uralten Maschinen. Die regelmäßigen erzwungenen Sonderschichten. Das schlechte, faule, schimmlige, minderwertige Essen.
Die Aggressionen und Gewalt der Kriminellen und Wachteln (weibliches Wachpersonal).
Entwürdigende Bestrafungen.
Kaum Bewegung an „frischer Luft“ und Sonne. Die Enge in den Verwahrräumen (Zellen).
Kontaktsperre zur Außenwelt und die Bestrafungen durch das Wachpersonal ließen mich fast mein Ziel aus den Augen verlieren. Zu dieser Zeit lief die „Verkaufsmaschine Menschenhandel des MfS“ schon. 60 000 DM wären ein großer Devisen-Verlust für die DDR. Irgendwann spürte ich meine Kraft, meinen Willen, meine Zuversicht wieder und ließ mich durchhalten. Kurz vor meinem 21. Geburtstag wurde ich aus der Zelle geholt und ging mit anderen politischen Häftlingen auf Transport nach Karl-Marx-Stadt in die „Abschiebehaft“. Nach der Ankunft in Karl-Marx-Stadt wurden wir in noch engere Zellen gesteckt. Ein Dreistockbett, ein Doppelstockbett, ein kleiner Tisch, keine andere Sitzgelegenheit als das Bett, eine Toilette, ein Waschbecken und Platz zum Stehen für maximal 2 Personen. Das war mein letzter Aufenthaltsort vor dem Freikauf in den Westen. Diese Enge war nur mit dem Wissen auf die baldige und lang ersehnte Freiheit zu ertragen.
In mehreren Gesprächen, es war nicht mehr der längst gewohnte Verhörton, wurden wir von MfS-Mitarbeitern nach unseren Vermögensverhältnissen, finanziellen Verpflichtungen und auch Plänen befragt. Endlich, am 12. November 1985, erhielt ich die
„Urkunde über die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“.
In der der letzten DDR-Knast-Nacht schliefen wir nicht.
Am nächsten Nachmittag wurden die Zellentüren geöffnet. Wir kamen in einen Saal. Dort wurden wir instruiert. Wir sollten auf den Herrn mit Liste zugehen, unseren Namen mit Geburtsdatum nennen. Von ihm bekamen wir unseren Entlassungsschein. Dann mussten wir über eine Feuerleiter zum Hof klettern und in die dort bereit stehenden Busse steigen. Völlig überdreht und übermüdet bestiegen wir die Busse. Es waren zwei Mercedes-Busse mit westdeutschem Kennzeichen. Außer der Urkunde, meinen Entlassungsschein und die Kleidung am Körper besaß ich nichts mehr. Wolfgang Vogel, unser aller Rechtsanwalt, erschien. Sein Mercedes stand schon auf dem Gefängnisinnenhof. Er war sehr elegant in West- Klamotten gekleidet und hielt im Bus seine Rede. Die „Karten“ für diesen Bus gebe es nicht am Ost-Bahnhof und nicht am Ku’- Damm. Wir sollten dankbar sein, dass wir frei kämen und im Westen nicht zur Springer-Presse rennen, um Namen von noch inhaftierten Gefangenen preis zu geben. Würde das passieren, könnte er nichts mehr für diese Leute tun. Er säße dann hilflos vor den entscheidenden Leuten. Sie würden vor seinen Augen den Namen des Betreffenden mit einem Rotstift durchstreichen und dabei auch noch lächeln. Vielmehr sollten wir im Bundesnotaufnahmelager Gießen zu den dortigen Anwälten gehen und die Namen der Mitgefangenen nennen. Dann würde denen geholfen, denn mit diesen Anwälten werde zusammen gearbeitet. Natürlich habe ich das auch getan und Namen von Mitgefangenen dort angegeben. Erst später wurde mir klar, wie das MfS dadurch immer wieder für „Häftlingsnachschub“ und Devisen sorgte.
Die fuhren Busse los.
Bis heute kann ich die Gefühle nicht beschreiben. Es war überwältigend. Freude, Angst, Tränen, Freiheit ... In kurzer Zeit sollte ich FREI sein. Endlich leben, wie mir es gefällt.

Kilometerlang warteten LKWs auf der DDR-Seite, auf ihre Grenzabfertigung. Wir rollten auf der Diplomatenspur bis zu den Abfertigungsgebäuden.
Wolfgang Vogel und die Stasi-Leute verließen den Bus.
Die Mitarbeiter des MfS gingen zu ihren Fahrzeugen und Wolfgang Vogel zu seinem Mercedes und fuhren zurück in Richtung DDR davon. Dann durchbrach der Kommentar des Busfahrers: „Die sind wir los.“, die Stille und wir klatschten erleichtert Beifall.
Vor uns fuhr noch ein Lada. Kurz vor der Grenzlinie bog er in Richtung Osten ab. Wir rollten weiter und ich war in Freiheit ...


Erläuterungen zu den Fotos 2002 war ich erstmalig in der Lage an den Ort des Grauens zurück zu kehren. Dabei sind diese Fotos entstanden. Der Waschraum war für ca. 40 Häftlinge. Die je 3 Waschbecken auf jeder Seite wurden wohl erst nach dem Mauerfall angebracht. Zuvor hatten wir dunkelrote, marmorierte Schweinetröge mit 3 Wasserhähnen. So wuschen wir uns Tag für Tag mit kaltem Wasser. Die beiden Toiletten gab es auch schon 1985. Allerdings ohne Toilettenbrillen.
Um 6 Uhr mussten 40 Frauen fertig zum Ausschluss sein. Der Verwahrraum (Zelle) wurde aufgeschlossen und es erfolgte die Zählung, Meldung und dann der Abmarsch zur Arbeit. Damit sich jede Frau vor der Arbeit waschen konnte, mussten die ersten (es waren immer die politischen Häftlinge) schon um 3 Uhr aufstehen. Es gab absolut keine Intimsphäre. Weder während des Waschens noch beim Verrichten seiner „Notdurft“. Duschen durften wir je nach Gefälligkeit des Wachpersonals 1x in der Woche.
20 bis 40 Frauen standen nackt in Reihen und wartend auf einen freien Duschplatz vor dem Duschraum. Immer wieder brüllte das Wachpersonal und trieb uns zur Eile an. Die hellblaue Farbe im Duschraum wurde auch erst nach der Wende aufgetragen; ebenso die Farbe in der Zelle und dem Waschraum. 1985 waren die Wände grau bzw. im Ziegelstein Design. Der kleine Toilettenraum war während der Schicht die einzige Rückzugsmöglichkeit vor Staub, Lärm und Erschöpfung. Dort wurde geraucht, gegessen, die Notdurft verrichtet und sprach hoffend über den nächsten Transport nach Karl-Marx-Stadt. Allerdings waren uns keine langen Pausen gewährt. Nach einigen Minuten kam das zivile Aufsichtspersonal und scheuchte uns zurück zur Arbeit, um die 100% Leistung zu erbringen. Zu Anfang musste ich Bettwäsche zusammen legen, dann nähen und später habe ich die Knopflöcher gestanzt und abgenäht. Alles in Akkord.
Als politischer Häftling und Republikflüchtling wollte ich auf keinen Fall die Norm schaffen. Arbeitsverweigerung wurde mit vielen Tagen Einzelhaft oder Dunkelzelle bestraft. Da ich mir gelegentlich Seife, Binden, Shampoo, Creme, Tee, Kekse und wenn es gab, mal einen Apfel oder einen viertel Liter Milch; aber das war eine absolute Seltenheit, kaufen wollte, musste ich mindestens 70 bis 80 Prozent der geforderten Arbeitsleistung erbringen. Später, in West-Berlin, fand ich die Bettwäsche, die ich genäht hatte, in Kaufhäusern, wie Karstadt, wieder. Meine Zelle bzw. Verwahrraum lag zum Innenhof.
Gegenüber dem Zellentrakt lagen die Werkstätten. Rund um die Uhr hallte der Lärm in die Zellen hinein. Da wir in drei Schichten arbeiteten, hörten wir ständig den Krach der Maschinen aus den Werkstätten.
Wenn wir Nachtdienst hatten, schliefen wir tagsüber aber wegen des Lärms war an Schlaf nicht zu denken.
Zusätzlich kam der Krach von den Freistunden dazu. Gehörschutz wurde uns nicht zugestanden. Ich hatte Glück im Unglück und wurde einer „kleinen Zelle“ zugeteilt. Wir waren zu Acht. Die Nachbarzelle, mit der wir durch den Waschraum verbunden waren, war mit 25 bis 30 Häftlingen belegt. Egal wie hoch die Verwahrräume belegt waren, Platz gab es keinen. Maximal hatte jeder einen Quadratmeter Platz zum Stehen oder Sitzen. Die Bänke und Baum gab es 1985 noch nicht. Wir mussten während unserer täglichen Frei-Stunde, die je nach Willkür und Laune oft auch vom Wachpersonal verkürzt wurde, herum laufen. Zum Glück erlebte ich das im Gleichschritt und immer in eine Richtung laufen müssen nicht mehr.