Emmas Geschichte


Emmas Großvater, Josef Fisser sen. und seine 5 Brüder, gingen Mitte des 19. Jahrhunderts von der Ostfriesischen Insel Norderney nach Düsseldorf.
Dort arbeiteten sie viele Jahre beim Bau des Kölner Doms mit.
Im Oktober 1880 wurde der Kölner Dom nach 632 Jahren und zwei Monaten endgültig fertig gestellt.
Emmas Opa und seine Brüder waren dabei.

Joseph Fisser sen. wurde schon in seiner ostfriesischen Heimat, auf der Nordseeinsel Nordernay zu einer kleinen Berühmtheit. Er selbst, wie die meisten Männer auf der Insel, waren Fischersleute. Er rettete aus einem tosenden Meer, mit Meter hohen Wellen, sieben Menschen aus Seenot. Noch heute kann im Heimatmuseum seine Heldentat bewundert werden.

Der Miterbauer des Kölner Doms und Retter einiger Menschenleben schenkte zusammen mit seiner Frau, Emmas Vater (Joseph Fisser jun.) das Leben.

Joseph Fisser jun. wurde 1879 in Köln geboren.

In Düsseldorf lernte er Emmas Mama kennen.
Joseph jun. und Amalie Fisser heirateten und schenkten 9 Kinder das Leben.
Neun Kinder mussten von ihren Eltern durch gebracht werden.
Eines der Kinder war Emma.

Emma Sophia Fisser wurde an einem kalten, regnerischen Tag im November 1904 in eine schwere Zeit hinein geboren.

1912 ging der arbeitslose Josef Fisser jun. zusammen mit seiner Frau und Kinder von Düsseldorf nach Sachsen, in der Hoffnung, die dort versprochene Arbeit zu bekommen.

Meine Oma erzählte mir oft von ihrem Leben am Rhein. Wie sie manchmal am Sonntag mit ihren Eltern und Geschwistern, angezogen mit ihrem einzigen schönen Kleid, unendlich stolz und glücklich, am Rhein entlang flanierten.
In der neuen Heimat Sachsen war es sehr viel schwerer und anders für sie. Sie lebten in noch größerer Armut. Sie vermisste den Glanz und Glamour der Rheinmetropole; das Spielen in den Straßen rund um das Rheinufer.
Jetzt musste sie alle Arbeiten rund um den Hof und dem dörflichen Leben erlernen.
Mit 9 Jahren wurde sie zu „den Herrschaften“ gegeben und musste zum täglichen Lebensunterhalt bei tragen.
Ihr Leben lang hat sie anderen Menschen gedient; ihnen den Haushalt und Hof gemacht und deren Kinder versorgt.

Nach dem 2. Weltkrieges hat sie sich von ihrem alkoholabhängigen Mann getrennt und 3 kleine Kinder alleine groß gezogen.

Trotz ihres Schicksal war sie keine verbitterte Frau.
Ich liebe meine Oma sehr. Bei ihr durfte ich das Leben auf dem Land in vollen Zügen kennen lernen, erleben; die Liebe zur Natur und den Tieren entdecken.

Ihre zwei kleinen Kammern im Dachgeschoss konnten im Winter nicht ausreichend genug beheizt werden.
Auf dem „stillen, eiskalten Örtchen“ im Hof verirrte sich zu dieser Zeit höchstens eine aufgeschreckte Maus. Der Brunnen brachte das gefrorene Wasser nicht hinauf.

Den Winter verbrachte sie bei ihrer Tochter Etta, ihrem Schwiegersohn Ernst und mir in der Stadt.

Ich teilte gerne mein Zimmer mit ihr.
Für mich begann eine Zeit voller Spannung, Geheimnisse und Geschichten.
Abends gingen wir früh zu Bett und Oma erzählte ...

Später, als meine Mama, ihre Tochter Etta verstorben war, führte ich diese Tradition weiter und nahm meine Oma im Winter bei mir auf.
Obwohl wir nun für die Nacht nicht mehr das Zimmer teilen mussten, lag ich auf dem Sofa, ganz nah bei ihr und lauschte ihren Geschichten bis tief in die Nacht hinein.

Meine Oma war nun schon fast Neunzig. Eines Morgens strahlte sie mich wieder mal an. Sie wirkte zufrieden und ihre Augen funkelten.
Im Nachhinein fällt mir dazu ein Vers von Joachim Ringelnatz ein:

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Ich fragte sie, wieso sie jeden Morgen so vergnüglich wäre:
„Ich freue mich über jeden Tag, den ich erwache und das Licht der Welt erblicke.“

Meine geliebte Oma hat trotz ihrer Schicksalsschläge und Einfachheit, eine grandiose, tiefe und positive Lebenseinstellung gehabt.

Dafür bewundere ich sie sehr.

In tiefer Liebe und Sehnsucht von Deiner Enkelin Eike-Christine.

"Manchmal scheint die ganze Welt entvölkert zu sein, wenn ein einziger Mensch fehlt."
(Lamartine)